Ein kurzer Abriss über die Geschichte des Landkreises Lindau (Bodensee)
Der Landkreis Lindau ist vielfältig. Seine Geschichte auch: Der östliche Teil, das Westallgäu, war geprägt durch feudale Strukturen, der westliche Teil, das Bodenseeufer, durch die Fischerei und den Handel. Die ehemalige Reichsstadt Lindau war bereits im ausgehenden Mittelalter ein wichtiges Handelszentrum.
Archäologische Spuren und römisches Erbe
Funde belegen eine Besiedlung der Region bereits in der älteren Eisenzeit. Besonders bedeutend sind Überreste einer römischen Straße aus den ersten vier Jahrhunderten n. Chr. Sie führte vom heutigen Bregenz nach Kempten. Nach dem Abzug der Römer siedelten sich ab dem 6. Jahrhundert Alemannen an.
Erste urkundliche Erwähnungen
Erste schriftliche Nachweise für einzelne Ortschaften im Landkreis Lindau reichen zurück bis ins 8. Jahrhundert, überliefert in den Urkunden des Klosters St. Gallen. Die ältesten Erwähnungen sind Wasserburg (784), Ober- und Unterreitnau (805), Lindenberg (857), Opfenbach (872) und Weiler (894).
Herrschaftliche Strukturen im Mittelalter
Zwischen 750 und 800 gewann das Kloster St. Gallen großen Einfluss. Zunehmend übertrugen ihm kleine Grundherren ihren Besitz, so zum Beispiel in Wasserburg, Weiler, Lindenberg und Scheidegg.
Mit dem Niedergang des Klosters im 13. und 14. Jahrhundert stiegen in der Region kleinere niederadelige Herrschaften auf: die Herren von Weiler, Ellhofen, Syrgenstein, Zwirkenberg oder Hohenegg. In Seenähe hatte das Heilig-Geist-Spital in Lindau bedeutende Besitzungen.
Das Haus Montfort
Die Grafen von Montfort, sowohl die Bregenzer als auch die Tettnanger Linie, versuchten in der Region Einfluss zu erlangen. Das Kloster Mehrerau bei Bregenz, das Hauskloster der einflussreichen Grafen von Montfort, besaß um 1090 mehr als 1.200 Güter, unter anderem in Niederstaufen, Grünenbach, Röthenbach und Ebratshofen.
1386 erwarben die Montforter Wasserburg. Die territoriale Zersplitterung blieb jedoch bis in die Habsburger Zeit erhalten.
Habsburger Einfluss und gesellschaftlicher Wandel
Bereits 1274/75 verlieh König Rudolf der Stadt Lindau weitreichende Rechte, die von zahlreichen Städten der Region rezipiert wurden. Die langjährige Konkurrenz mit dem Lindauer Damenstift – der Keimzelle der Stadt – entschied die Stadt Mitte des 14. Jahrhunderts für sich.
1451 übernahm das Haus Habsburg Teile der Herrschaft Bregenz, darunter auch Hohenegg. 1570/71 verkaufte das Kloster St. Gallen die Herrschaft Altenburg an die Habsburger.
Bauernkrieg und Dreißigjähriger Krieg
1525 wurde auch das Gebiet am Bodensee von den Unruhen des Deutschen Bauernkriegs erfasst. Der weitgehend friedliche Protest wurde vom Schwäbischen Bund – den vereinigten schwäbischen Reichsständen – blutig niedergeschlagen. Ein Rückschlag für die Bauern in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht.
1530 schloss sich die Stadt Lindau der protestantischen Lehre an. Damit vertieften sich die Differenzen zwischen der Reichsstadt und den umliegenden katholischen Gebieten.
Deutlich härter traf die Region der Dreißigjährige Krieg. Ab ca. 1630 führten gewaltsame Kontributionen und Plünderungen durch schwedische Truppen zu Hungersnöten und Pestwellen. Bevölkerungsrückgang und wirtschaftliche Stagnation waren die Folge.
Zunehmend gewann der Handel an Bedeutung. Gehandelt wurde neben Getreide auch Salz. Aus Hall in Tirol wurde es über das Westallgäu und den Bodensee bis in die Schweiz gebracht. Die Lindenberger spezialisierten sich auf den Pferdehandel nach Norditalien. Von Lindau aus verkehrte der Mailänder Bote regelmäßig über die Alpen.
Das 18. Jahrhundert
Erst im Verlauf des 18. Jahrhunderts folgte eine Phase des Wiederaufbaus. Viele sehenswerte Kapellen und barocke Dorfkirchen entstanden in dieser Zeit, darüber hinaus repräsentative Bürger- und Amtshäuser.
Grundlage des wirtschaftlichen Aufschwungs im Westallgäu war die Vereinödung, eine frühneuzeitliche Flurbereinigung, die bis heute charakterbildend ist für die Landschaft und Siedlungsstruktur im Allgäu und in Oberschwaben.
Die Anfänge der Industrialisierung lassen sich im Landkreis Lindau seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert feststellen. Baumwoll- und Flachsverarbeitung, Geißelstecken- und Strohhutherstellung hielten Einzug, meist im Nebenerwerb.
Napoleonische Zeit und territoriale Neuordnung
Die Napoleonischen Kriegen hatten einschneidende Folgen für das Westallgäu und das Lindauer Bodenseegebiet. Mit der Säkularisation wurde 1802 – nach 1000-jährigem Bestehen – das Lindauer Damenstift aufgehoben. Lindau verlor 1803 seinen Status als Reichsstadt. Nach dem Frieden von Preßburg (1805) fielen die Stadt Lindau sowie die Grafschaften Tirol und Vorarlberg an Bayern. Bei der Rückgabe 1814 verblieben allein das Westallgäu und das Lindauer Bodenseegebiet unter bayerischer Herrschaft.
1810 kamen im Zuge von Neuordnungen Wohmbrechts und Maria Thann zum bayerischen Landgericht Lindau. Die Landgerichte Lindau und Weiler wurden eingerichtet. Sie gehörten dem bayerischen Illerkreis an, ab 1817 dem größeren Oberdonaukreis, der schließlich in Regierungsbezirk Schwaben und Neuburg umbenannt wurde.
Bayerische Zeit
Die neue Bayerische Regierung setzte auf eine Modernisierung ganz im Sinne der Aufklärung. Diese Pläne erregten Widerstand und bereits 1809 kam es zu Aufständen in den ehemals österreichischen Gebieten, auch im Westallgäu. Langfristig konnten viele Reformen durchgesetzt werden. Sie legten den Grundstein für einen weiteren Aufschwung.
1862 wurden Justiz und Verwaltung in Bayern getrennt. Aus den Gerichten Weiler und Lindau entstand das Bezirksamt Lindau. 1909 umfasste das Gebiet rund 310 Quadratkilometer Fläche und 35.000 Einwohner. 1938 wurden reichsweit einheitliche Namen in der Verwaltung eingeführt. Aus dem Bezirksamt Lindauwurde der Landkreis Lindau.
Um 1900
Dampfschifffahrt und Dampflok belebten Handel und Tourismus. Bereits 1853 wurde die Gegend mit der Eisenbahnstrecke Lindau-Augsburg an das bayerische Eisenbahnnetz angebunden. Lindau war ein beliebter Umsteigebahnhof aufs Dampfboot in die Schweiz. Die Transportzeiten verkürzten sich, die Reichweite vergrößerte sich.
Mit der Eisenbahn kamen auch die Touristen an den bayerischen Bodensee und ins Westallgäu. Bereits im 18. Jahrhundert waren erste Villen am Bodensee entstanden, ihre Besitzer angelockt vom milden Klima und dem fantastischen Panorama auf die Schweizer und österreichischen Berge.
Im Westallgäu tummelten sich Sommerfrischler und erste Wintersportler, die neben Natur und gesundem Klima auch die gute Ernährung schätzten. 1901 erhielten auch Scheidegg und Lindenberg sowie 1902 Weiler Bahnanschluss, was Tourismus, Industrialisierung und Käsehandel weiteren Auftrieb gab. 1922 wurde Lindenberg zum Luftkurort.
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg
Trotz katholischer Prägung erhielt die NSDAP in den Kreisgemeinden schon vor 1933 überdurchschnittlich hohe Zustimmungswerte. In Lindau war sie bereits 1924 in den Stadtrat eingezogen. Als der Lindauer Bürgermeister Ludwig Georg Siebert 1931 der NSDAP beitrat, war er der erste NSDAP-Bürgermeister Bayerns.
Durch die Nähe zur Schweiz wurde Lindau zur Durchreisestation für Menschen, die vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten flohen. KDF-Reisen ins Westallgäu waren beliebt und machten die Region in ganz Deutschland bekannt. Allein im Jahr 1938 kamen etwa eine Million Gäste in den Landkreis.
Im Zweiten Weltkrieg wurden in Landwirtschaft und Industrie zahlreiche Zwangsarbeiter eingesetzt. Das Kriegsende überstanden Lindau und sämtliche Gemeinden des Landkreises ohne Bombardierungen oder Kampfhandlungen. Am 30. April 1945 besetzten französische Truppen das Gebiet.
Das „Land Lindau“ – unter Französischer Besatzung
Nach dem Zweiten Weltkrieg war derLandkreis Lindau der einzige Landkreis Bayerns, der zur französischen Besatzungszone gehörte. Er diente als Landbrücke zwischen der Französischen Besatzungszone in Deutschland und Österreich. Als „Bayerischer Kreis Lindau“ mit einem „Kreispräsidium“ als oberste Verwaltungsbehörde erlangte das Gebiet relative Autonomie. Diese ermöglichte einige wichtige Neuerungen, wie die Gründung der Spielbank Lindau, der Bau des Theaters und die erste Nobelpreisträger-Tagung in der Bodenseestadt. 1956 wurde der Landkreis wieder in das Bundesland Bayern integriert.
Gebietsreform
Die Gebietsreform 1972 berührte den Landkreis Lindau nur wenig. Die bis dahin zum Kreis Sonthofen gehörende Gemeinde Stiefenhofen wurde dem Landkreis zugeschlagen. Die kreisfreie Stadt Lindau wurde in den Landkreis eingegliedert. Die vormals 27 Gemeinden des Landkreises Lindau wurden zu 19 Gemeinden zusammengefasst.
Wirtschaft und Tourismus
Tourismus und Wirtschaft nahmen weiteren Aufschwung. Schneesichere Winter lockten Wintersportler. Skilifte in Scheidegg, Weiler-Simmerberg, Oberreute und Maierhöfen zeugen bis heute davon. Auch das Loipensystem wurde ausgebaut.
Im Sommer gewann der Bodensee als Tourismusregion an Bedeutung für Segler und Radfahrer. Seit den 1970er-Jahren wurde mit der A 96 der Landkreis Lindau an das Autobahnnetz angeschlossen.
In der Industrie fanden seit 1960 sogenannte Gastarbeiterinnen und Gastarbeiter Arbeit, viele aus Norditalien. Bis heute sind neben zahlreichen anderen Gewerben große Betriebe der Luft- und Raumfahrt, der Elektronik oder der Aluminiumverarbeitung im Landkreis angesiedelt. Daneben spielen Lebensmittelbetriebe wie zur Herstellung von Käse, Bier oder Säften eine Rolle, um nur einige zu nennen.
Landräte seit 1956
1956–1965: Hans Kleiner
1965–1972: Fritz Fugmann (parteilos)
1972–1996: Klaus Henninger (CSU)
1996–2002: Manfred Bernhardt (CSU)
2002–2008: Eduard Leifert (SPD)
seit 1. Mai 2008: Elmar Stegmann (CSU)
