Wenn Hausarztpraxen Verstärkung bekommen: Landkreis plant neuen Versorgungs-Pool für qualifizierte Praxisassistentinnen und Praxisassistenten
Lindau (Bodensee) – Die Sicherung der hausärztlichen Versorgung ist eines der zentralen Zukunftsthemen im Landkreis Lindau (Bodensee). Angesichts steigender Patientenzahlen, zunehmender chronischer Erkrankungen und wachsender organisatorischer Anforderungen in den Praxen setzt der Landkreis gezielt auf innovative Strukturen zur Entlastung und Qualitätsverbesserung. Ein wichtiger Baustein können sogenannte VERAH und NäPa sein. VERAH bedeutet „Versorgungsassistentin in der Hausarztpraxis“, NäPa steht für „Nichtärztliche Praxisassistentin“. Es handelt sich dabei um erfahrene Medizinische Fachangestellte, die eine strukturierte und zertifizierte Zusatzqualifikation absolviert haben. Das System ist bereits etabliert und die Leistungen können entsprechend abgerechnet werden. Auch im Landkreis Lindau gibt es bereits Arztpraxen, die solch qualifizierte Kräfte einsetzen. Um noch mehr Praxen diese Entlastung zu ermöglichen und die Versorgung von Patienten zu stärken, plant der Landkreis einen „Versorgungs-Pool“. Mit Unterstützung des Ärztlichen Kreisverbandes läuft derzeit eine Bedarfsabfrage in den Arztpraxen im Landkreis.
Landrat Elmar Stegmann erklärt: „Die wohnortnahe hausärztliche Versorgung ist für unseren Landkreis von zentraler Bedeutung. Wenn wir Praxen entlasten und gleichzeitig die Betreuung der Patientinnen und Patienten verbessern wollen, müssen wir moderne Teamstrukturen stärken. Die positiven Erfahrungen aus bestehenden Praxen zeigen, welches Potenzial in qualifizierten Praxisassistentinnen steckt. Mit dem geplanten Versorgungs-Pool wollen wir dieses Potenzial gezielt für die gesamte Region nutzbar machen.“
Die Notwendigkeit solcher Modelle wurde in den vergangenen Monaten wiederholt aus den Hausarztpraxen im Landkreis zurückgemeldet. Der Einsatz solcher Assistenzkräfte wurde auch in den Workshops, die der Landkreis im Rahmen der Erstellung des Konzepts zur ambulanten Versorgung gemeinsam mit dem Unternehmen 2perspectives durchgeführt hatte, intensiv diskutiert. Die aktuell laufende Abfrage bei den Arztpraxen ist nun ein weiterer Umsetzungsschritt dieses Konzepts.
Für die Bevölkerung bedeutet ein solcher Versorgungs-Pool langfristig mehr Kontinuität in der Betreuung, zusätzliche Hausbesuche, eine engere Begleitung bei chronischen Erkrankungen und eine stabile ambulante Versorgung im gesamten Landkreis.
Viele Praxen sehen in qualifizierten Praxisassistentinnen einen wichtigen Baustein, um steigende Anforderungen zu bewältigen, Hausbesuche strukturiert zu organisieren und langfristig handlungsfähig zu bleiben. Ein konkretes Beispiel ist die Hausarztpraxis von Dr. Raimund Bischof in Lindenberg, die bereits mit einer spezialisierten NäPa arbeitet. Dort zeigt sich im Praxisalltag deutlich, wie stark eine solche Struktur entlasten kann. Hausbesuche können gezielter organisiert werden, chronisch erkrankte Patientinnen und Patienten erhalten eine engmaschigere Begleitung, und Ärztinnen und Ärzte gewinnen Zeit für komplexe medizinische Entscheidungen.
Warum ein Versorgungs-Pool?
Nicht jede Hausarztpraxis verfügt über die personellen und organisatorischen Möglichkeiten, eine eigene VERAH oder NäPa dauerhaft zu beschäftigen. Gerade kleinere Praxen stehen vor der Herausforderung, zusätzliche Qualifikationen, Arbeitszeitmodelle und finanzielle Planung eigenständig umzusetzen. Hier setzt die Idee eines regionalen Versorgungs-Pools an.
Der Landkreis prüft aktuell den Aufbau eines regionalen Versorgungs-Pools. Ziel ist es, qualifizierte Praxisassistentinnen landkreisweit besser zu vernetzen und perspektivisch auch Praxen zu unterstützen, die bislang keine eigene VERAH- oder NäPa-Struktur aufgebaut haben. Durch eine Bündelung der Ressourcen können mehrere Praxen profitieren. Qualifizierte Fachkräfte könnten flexibel eingesetzt werden, ohne dass jede Praxis die gesamte Struktur allein vorhalten muss.
Was genau sind VERAH oder NäPa?
Medizinische Fachangestellte (MFA) können eine entsprechende Weiterbildung machen. Diese umfasst sowohl theoretische als auch praktische Inhalte, unter anderem Hausbesuchskompetenz, Fallmanagement, strukturierte Betreuung chronisch erkrankter Menschen, Notfallmanagement sowie organisatorische und koordinierende Aufgaben im Versorgungsprozess. Die NäPa-Qualifikation baut in der Regel auf der VERAH-Fortbildung auf und erweitert diese um zusätzliche Kompetenzen. Beide Abschlüsse sind anerkannte Qualifikationen im Rahmen ärztlich delegierter Leistungen.
Qualifizierte Praxisassistentinnen übernehmen unter ärztlicher Verantwortung unter anderem Hausbesuche bei immobilen oder chronisch erkrankten Patientinnen und Patienten, unterstützen bei der Betreuung von Menschen mit Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, begleiten das Medikationsmanagement, führen Wundkontrollen durch und koordinieren die Zusammenarbeit mit Pflegeeinrichtungen oder weiteren Versorgungspartnern. Sie wirken damit als wichtige Schnittstelle zwischen Praxis, Patientinnen und Patienten sowie dem sozialen Umfeld.
Wesentlich ist dabei: VERAH und NäPa ersetzen keine Ärztinnen oder Ärzte. Sie arbeiten im Team und ergänzen die ärztliche Tätigkeit. Ziel ist es, ärztliche Zeit dort einzusetzen, wo sie medizinisch am dringendsten benötigt wird, und gleichzeitig die kontinuierliche Betreuung der Patientinnen und Patienten zu stärken. Die Leistungen qualifizierter Praxisassistentinnen sind im Rahmen bestehender Abrechnungsregelungen bereits berücksichtigt und können entsprechend vergütet werden, unter anderem über delegierbare Leistungen im Einheitlichen Bewertungsmaßstab sowie in der hausarztzentrierten Versorgung. Damit sind diese Strukturen nicht nur medizinisch sinnvoll, sondern auch wirtschaftlich tragfähig.
